Survival-Guide für Linux-Neulinge #1?
1. Kenne deinen Computer
Wenn du einen PC kaufst, ist mit großer Wahrscheinlichkeit schon Windows vorinstalliert – es läuft einfach. Linux musst du neu installieren. Bei der Installation wird eigentlich alles mitinstalliert, was man so braucht. Je nach Alter deines PCs kann es aber sein, dass auch mal etwas manuell nachinstalliert werden muss. Daher ist es wichtig zu wissen, was du da für ein Gerät hast.
Damit ist zuallererst gemeint:
- Welche Marke?
- Welches spezifische Modell?
- Welcher Prozessor ist verbaut und welche Leistung kann er bringen?
- Welche Grafikkarte ist vorhanden?
- Wie viel Arbeitsspeicher (RAM) ist verbaut?
- Welches Motherboard (Marke und Modell) wird verwendet?
Auf dem Motherboard läuft alles zusammen, daher sind diese Informationen besonders wichtig.
Warum ist das wichtig?
Zum einen willst du ein neues Betriebssystem installieren. Das ist eigentlich keine Tätigkeit eines Otto-Normal-Verbrauchers. IT-Fachgeschäfte gibt es nicht aus Jux und Dollerei. Diese Fachkräfte haben gelernt, was du mal eben zu Hause umsetzen möchtest. Es ist wirklich ratsam, sich mit der Materie auseinanderzusetzen.
Zum anderen kann es sein, dass du ins UEFI/BIOS musst, um den PC für die Installation vorzubereiten. Jeder PC bzw. jedes Mainboard hat ein anderes UEFI/BIOS. Welche Taste du drücken musst, um dorthin zu gelangen, variiert.
In der Regel liegt ein Benutzerhandbuch bei, in dem der Vorgang beschrieben wird. Ist dem nicht so, musst du zwangsläufig im Internet nach deinem Modell suchen – in Verbindung mit Begriffen wie:
- UEFI/BIOS-Menü
- UEFI/BIOS-Taste
Prüfe außerdem, ob das Linux deiner Wahl Secure Boot unterstützt. Es gibt Fälle, in denen ein PC Linux zwar installiert, beim Booten jedoch nur einen schwarzen Bildschirm zeigt. In diesem Fall solltest du Secure Boot deaktivieren.
Das nächste mögliche Problem ist Microsoft BitLocker. Wird Secure Boot deaktiviert, kann Linux zwar laufen, im Dualboot mit Windows kann es aber passieren, dass BitLocker dein Windows sperrt. Stelle daher vorher sicher, dass du deinen BitLocker-Wiederherstellungsschlüssel besitzt. Dieser ist in der Regel im Microsoft-Konto hinterlegt. Ohne diesen Schlüssel kann Windows nach einer BIOS-Änderung dauerhaft gesperrt bleiben.
2. Der is’ doch noch gut!
Die Faustregel für die Neuanschaffung eines PCs lautet:
QuoteAlle 6–7 Jahre
Computer sind keine Oldtimer, die man hegt, pflegt und nach 30 Jahren immer noch auf die Straße bringt, um mit Lederhandschuhen hinter dem Lenkrad zu sitzen. Anwendungen werden rechenintensiver und Spiele grafisch aufwendiger.
Nach vier Jahren eine SSD oder einen RAM-Baustein nachzurüsten, zögert das Ganze meist nur minimal hinaus. Der Flaschenhals ist häufig nicht der Speicher, sondern die CPU-Architektur, fehlende moderne Instruktionen oder schlicht die Gesamtleistung des Systems.
Ihr mögt euch zwar daran gewöhnt haben, dass der Browser 30 Sekunden braucht, um zu starten – das ist aber nicht der technische Stand der Dinge.
2.1 Linux ist kein Wundermittel
Oft hört man, dass PCs wieder schneller laufen, wenn Linux installiert wurde. Das kann sein – es könnte aber auch daran liegen, dass Windows schlicht komplett zugemüllt war und eine Neuinstallation gebraucht hätte.
Da Linux anders arbeitet als Windows, sammelt sich weniger Datenmüll an und es laufen in der Regel nur notwendige Hintergrundprozesse.
Das bedeutet jedoch nicht, dass euer PC jetzt weitere 10 Jahre durchhält. Auf Biegen und Brechen ein Wunder auf alter Hardware zu erwarten, ist nicht realistisch.
Es kann außerdem vorkommen, dass ein aktuelles Linux Mint auf eurem System nicht mehr rund läuft. Vielleicht findet ihr noch eine ältere Version, die ihr nutzen könntet – das ist jedoch nicht zu empfehlen.
Auch Linux-Distributionen haben ein End of Life (EOL). Ab diesem Zeitpunkt werden keine Sicherheitsupdates mehr geliefert und das System sollte nicht mehr mit dem Internet verbunden werden.
2.2 Aber die Hardware-Anforderungen reichen doch noch!
Lest euch die Anforderungen genau durch:
- 2 GB RAM (4 GB empfohlen für eine komfortable Nutzung)
- 20 GB Speicherplatz (100 GB empfohlen)
- 1024 × 768 Auflösung
(bei niedrigeren Auflösungen ALT gedrückt halten, um Fenster mit der Maus zu verschieben)
Quelle:
Frequently Asked Questions - Linux Mint
Diese Angaben beschreiben die Minimalvoraussetzungen, damit das System überhaupt startet.
Das bedeutet nicht, dass ihr damit komfortabel Filme schauen, Programme zügig starten oder ruckelfrei arbeiten könnt. Alles, was ihr zusätzlich nutzt, kommt „on top“ und benötigt weitere Ressourcen.
Treiber und Sonderhardware nicht vergessen
Auch wenn die Minimalanforderungen erfüllt sind, heißt das nicht automatisch, dass alles problemlos funktioniert.
Typische Problemkandidaten sind:
- WLAN-Adapter (z. B. ältere oder exotische Chipsätze)
- NVIDIA-Grafikkarten
- Drucker und Scanner
- RGB- oder herstellerspezifische Software
In vielen Fällen gibt es Lösungen – aber nicht immer sofort. Wer spezielle Hardware nutzt, sollte sich vorab informieren, ob diese unter Linux unterstützt wird.
3. Fallt nicht auf „Bling Bling“ herein
Es gibt zwei Szenarien, die euch garantiert begegnen werden.
Szenario A
Ihr habt noch keine Distribution ausgewählt und findet im Internet Videos und Bilder von übermotivierten Nutzern, die ein bombastisches Linux-Design präsentieren – oder das komplette Gegenteil: einen in Neonfarben getränkten Albtraum, der Gamern die „beste Gaming-Distro der Welt“ verspricht.
QuoteMan kann jedes Linux bombastisch aussehen lassen.
Keine Distribution besitzt ein bestimmtes Aussehen – alles lässt sich anpassen.
Gerade zum Ende von Windows 10 tauchen viele Videos mit Titeln wie
„Warum ich zu Linux gewechselt habe“ auf. Gezeigt wird dabei oft ein Arch-Linux-Derivat.
Arch-basierte Distributionen sind zwar schnell, aktuell und schlank, aber nicht für normale Umsteiger geeignet.
Gaming-Distributionen basieren meist ebenfalls auf Arch Linux und bringen lediglich alle Gaming-Tools vorinstalliert mit. Anfänger sind hier die Zielgruppe, weil man davon ausgeht, dass sie nicht wissen, wie Gaming unter Linux funktioniert.
Fakt:
Man kann mit jedem Linux spielen – der Unterschied liegt im Wartungsaufwand.
Szenario B
Ihr habt euch bereits für ein Linux entschieden und seht irgendwo, dass jemand etwas „viel Cooleres“ nutzt. Aus Angst, das beste Linux der Welt zu verpassen, wechselt ihr erneut.
QuoteDie Lösung: Werdet ein digitaler Zen-Mönch.
Teste 2–3 Monate ein für Einsteiger geeignetes Linux und schau währenddessen nicht nach links oder rechts.
Tipp: Fedora ist keine geeignete Distro. Auch nicht Nobara und auch nicht Garuda. Und erst recht nicht Schnullfel-Wuffel-Linux aus Buxtehude, auf das euer Schwager dritten Grades schwört.
About the Author
Ich nutze Linux seit 2003/04. Meine erste Distribution war SUSE Linux 9.0/9.1. Ab 2012 bin ich für lange Zeit bei Linux Mint geblieben.
Über die Jahre hat es sich ergeben, dass ich den Gnome-Desktop bevorzuge. Vorwiegend nutze ich Ubuntu LTS, aus pragmatischen Gründen. Läuft halt!
Ich bin sehr aktiv in der Raspberry Pi-Szene und programmiere vorwiegend in Python.
All das, was ich über Computer/Windows/Linux weiß, fußt darauf, dass ich es schon mal kaputt gemacht habe und nachlesen musste, wie ich es wieder zum Laufen bringe. ![]()
Traurig aber wahr.
Replies 6