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Zwei Monate mit TUXEDO OS – Eindrücke eines Linux-Veteranen aus Einsteiger-Perspektive

  • kim88
  • August 14, 2025 at 12:59 AM
  • 10,057 Views
  • 28 Replies
Seit rund zwanzig Jahren lebe ich in der Linux-Welt, habe Systeme aufgesetzt, zerschossen, wiederbelebt und für verschiedenste Einsatzzwecke optimiert. Für diesen Erfahrungsbericht habe ich mich bewusst in die Rolle eines Einsteigers versetzt: Wie fühlt sich TUXEDO OS an, wenn man es so nutzt, wie es ab Werk gedacht ist – ohne grosse Eingriffe, ohne stundenlange Feinarbeit? Installiert ist es auf einem HP EliteBook, also nicht auf TUXEDO-Hardware, und lief in den letzten zwei Monaten quasi täglich. Gerade diese Kombination aus Veteranenblick und Einsteigerbrille macht den Reiz des Tests aus: Ich weiss, worauf ich technisch achten muss, versuche aber trotzdem, das System so zu nehmen, wie es sich Anfängern präsentiert – als fertiges, konsistentes Paket.
Contents [hideshow]
  1. Durchdachte Installation
  2. WebFAI: Werkzustand zum Selbermachen – und Rettungsleine, falls es kracht
  3. Ein Alltag ohne chirurgische Eingriffe: KDE-Defaults, die tragen
  4. TUXEDO Control Center
  5. Energiemanagement: eigene Lösung, kleiner Stolperstein im KDE Plasma-Alltag
  6. Hybrid-Modell: kontinuierlich frisch, ohne den Nervenkitzel des Voll-Rolling
  7. Alltagserfahrung: schnell, aufgeräumt, mit ein paar klar benennbaren Schattenseiten
  8. Abschliessende Gedanken

Durchdachte Installation

Die Installation war vom ersten Klick an angenehm unspektakulär. TUXEDO OS setzt auf den Calamares-Installer, der mich in gut strukturierten Schritten durch den Prozess geführt hat. Nichts wirkt überladen, nichts schreit nach Nacharbeit. Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass ich schon während des Setups zwischen X11 und Wayland wählen konnte. TUXEDO empfiehlt X11, vermutlich weil es in Sachen Kompatibilität die sicherere Bank bleibt.

Ich habe mich trotzdem für Wayland entschieden – die Touchpad-Gesten sind im Alltag schlicht zu praktisch – und war überrascht, wie reibungslos sich das System danach anfühlte. Dieser Entscheidungs­moment gleich zu Beginn signalisiert: Wir geben die modernen Optionen, bieten aber auch Fallbacks an.

WebFAI: Werkzustand zum Selbermachen – und Rettungsleine, falls es kracht

Zum Öko­system gehört WebFAI, ein von TUXEDO bereitgestellter USB-Stick, der das System voll­automatisch so installiert, wie es im Werk aufgespielt wird. Für Einsteiger bedeutet das: keine Angst vor Partitionen, keine Paketkriege, kein Ratespiel bei Treibern.

Für erfahrene Nutzer ist es mindestens so spannend, denn man kommt in wenigen Minuten wieder zu einer sauberen Basis. WebFAI bringt zudem eine automatische Systemreparatur mit, die defekte Installationen analysieren und in vielen Fällen ohne Datenverlust wieder gangbar machen kann – eine schöne Antwort auf den Reflex „Neu installieren!“ der Linux-Vergangenheit.

Wer keinen Stick mehr hat, erstellt ihn mit dem WebFAI Creator 2.0 bei Bedarf neu; der läuft unter Linux und Windows.

Ein Alltag ohne chirurgische Eingriffe: KDE-Defaults, die tragen

Ich komme aus der GNOME-Welt. GNOME gibt dir einen klaren, reduzierten Arbeitsraum und zwingt dich selten zu Entscheidungen. KDE Plasma – so, wie es TUXEDO OS ausliefert – fühlt sich eher an wie eine gut sortierte Werkstatt: mächtiger, freier, auch komplexer. Gerade deshalb war es mir wichtig, die Voreinstellungen zu respektieren.

Ich habe die Standard-Widgets gelassen, die Menüs nicht umgebaut, die Shortcuts nicht neu gemappt und auch nicht neue Designs ausprobiert. Und das Ergebnis ist bemerkenswert: TUXEDO hat die Defaults so gesetzt, dass man sofort produktiv wird, ohne das Bedürfnis, an zehn Stellschrauben gleichzeitig drehen zu müssen. Das System wirkt modern, reagiert flott und vermittelt ein stimmiges Ganzes, das sich weder unpersönlich noch überladen anfühlt.

TUXEDO Control Center

Richtig Laune macht das TUXEDO Control Center. Es ist das Scharnier zwischen System und Hardware, über das sich Lüfterkurven, CPU-Profile, teils auch Keyboard-Beleuchtung und – besonders praktisch – Ladeprofile des Akkus steuern lassen. Wer sein Gerät viel am Netz betreibt, wird Begrenzungen wie 80 % zu schätzen wissen, weil sie die Batterie schonen.

Auf Original-Hardware ist der Funktionsumfang am grössten; selbst auf meinem HP ist spürbar, wie viel Aufmerksamkeit TUXEDO dem Thema Integration gibt. Dass TUXEDO das Control Center aktiv weiterentwickelt hat und Dinge wie frei konfigurierbare Lüfterprofile und Akku-Optionen nachlegt, zeigt, dass hier nicht nur eine hübsche Oberfläche über generischen Tools liegt, sondern echtes Engineering. Hier sieht man ein sehr klares und gutes Alleinstellungsmerkmal dieser Distribution.

Energiemanagement: eigene Lösung, kleiner Stolperstein im KDE Plasma-Alltag

So positiv die Hardware-Seite ist, so sichtbar bleibt eine kleine Dissonanz: TUXEDO OS setzt nicht auf den verbreiteten power-profiles-daemon, sondern auf eine eigene Energiesteuerung.

Das ist technisch legitim - macht z.B. auch System76 mit Pop OS so. Hinterlässt in KDE Plasma aber eine optische Delle: Das Batterie-Widget signalisiert, power-profiles-daemon werde nicht unterstützt. Funktional ist das kein Drama, für neue Nutzer ist es dennoch irritierend, weil es wie eine Fehlermeldung aussieht – mitten im frischen System.

Aus meiner Sicht würde ein Herauspatchen dieser Meldung viel Verwirrung ersparen und das polierte Gesamtbild vollenden.

Hybrid-Modell: kontinuierlich frisch, ohne den Nervenkitzel des Voll-Rolling

Eine Stärke des Systems ist sein Veröffentlichungs­modell. TUXEDO OS fährt seit der 2er-Generation ein hybrides Konzept aus kontinuierlichen Updates und klassischer Stabilitäts­basis.

Das Team nennt es sinngemäss „continuous release“, weil Zwischen­schritte und kumulative Mammut-Updates nicht mehr nötig sind, während Kernel, Mesa, Plasma und wichtige Anwendungen laufend nachziehen. In der Praxis bedeutet das: aktuelle Software, ohne jeden zweiten Tag in den Arch-Adrenalinmodus zu kippen.

Seit der Basis-Aktualisierung auf Ubuntu 24.04 LTS ist TUXEDO zudem von klassischen OS-Versionsnummern abgerückt – das System heisst einfach TUXEDO OS. Das wirkt weniger marketing-getrieben und passt zur Idee eines kontinuierlich gepflegten Alltags-Linux.

Alltagserfahrung: schnell, aufgeräumt, mit ein paar klar benennbaren Schattenseiten

Im täglichen Arbeiten bleibt das System schnell und unaufgeregt. Gerade Büro- und Schreibarbeit profitieren davon, dass Anwendungen nicht aus Repositories mit Uralt-Software stammen, sondern in zeitgemässen Ständen ausgerollt werden. Beispiel LibreOffice: Hier kommt TUXEDO OS ohne die berüchtigten Uralt-Versionen vieler LTS-Ableger daher, was beim Austauschen von Dateien und Vorlagen schlicht weniger Reibung erzeugt.

Aber auch Entwickler kommen voll auf Ihre Kosten. Dank der Ubuntu Basis, gibt es unzählige Pakete und Bibliotheken in den Repositories. Ich habe während den zwei Monaten sehr viel Programmierarbeit auf dem Gerät erledigt und hatte hier nicht mehr oder weniger Probleme als z.B. mit einem Ubuntu oder Fedora.

Gleichzeitig sind mir unter KDE Plasma ein paar Punkte begegnet, die ich aus GNOME-Tagen runder - bzw. einfach besser - kenne.

1Password erkennt den Ruhezustand nicht automatisch; in GNOME klappt das.

Virtuelle Arbeitsflächen werden in KDE nicht dynamisch entfernt, was meine Workflows weniger elegant macht.

Threema Desktop lässt sich nicht im System-Schlüsselbund verankern. Unter GNOME funktioniert das problemlos.

Am entschiedensten trifft es mich aber beim Signieren von Git-Commits: Unter GNOME bietet mir Visual Studio Code an, das Passwort für meinen GPG-Key im Schlüsselbund zu speichern, sodass ich es nicht bei jedem Commit tippen muss.

Unter KDE taucht diese Option nicht auf – selbst nach Installation des gnome-keyring bleibt die Integration aus. Am Ende habe ich mein GPG-Key-Passwort entfernt, um den Arbeitsfluss nicht zu zerstückeln. Da ich wortwörtlich bei jedem Commit mein GPG Passwort (das sehr lange und komplex ist) eingeben musste.
Das ist funktional, aber sicherheitlich suboptimal und ganz sicher nicht die Lösung, die ich empfehlen würde.

Gerade in so kleinen Details - merkt man aus meiner Sicht - dass die grossen Firmen hinter den Enterprise Distributionen (Red Hat, Canonical und Suse) hier den "Arbeitsalltag" bzw. die Bedürfnisse von Anwender, die ihr Computer als Arbeitsgerät besser kennen - und auch etwas besser abdecken,

Abschliessende Gedanken

Nach zwei Monaten bleibt für mich vor allem ein Eindruck: TUXEDO OS ist weniger „eine weitere Distro“ als vielmehr eine Haltung. Die Haltung, ein Linux zu liefern, das sich wie ein Produkt anfühlt – kuratiert, technisch solide, mit einem klaren Blick auf Alltagstauglichkeit.

Die Installation ist glatt, die Defaults sind brauchbar, das Control Center gibt dir im Zweifel die nötigen Regler in die Hand. Das Hybrid-Modell hält das System frisch, ohne dich in permanente Update-Akrobatik zu zwingen. Und WebFAI sorgt dafür, dass du den Werkzustand jederzeit reproduzieren – oder ein zickiges System retten – kannst.

Auf echter TUXEDO-Hardware zahlt das noch stärker ein als auf meinem HP EliteBook, aber selbst dort vermittelt das System genau das, was ich mir von einem vorinstallierten Linux wünsche: ein ruhiges, verlässliches Arbeitsumfeld, das aktuell bleibt und nicht jeden zweiten Tag Aufmerksamkeit einfordert.

Für GNOME-Umsteiger wie mich ist KDE unter TUXEDO OS keine Hürde, sondern eine Einladung – solange man akzeptiert, dass ein paar Integrationsdetails noch Feinschliff vertragen.

Ich werde Tuxedo definitiv eine Chance geben. Noch in diesem Jahr steht der Kauf eines neuen Notebooks an - und ich werde ein Gerät von Tuxedo nehmen. Welches genau? Das weiss ich noch nicht, ich eruiere hier noch. :)

  • KDE
  • TUXEDO OS

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kim88
June 7, 2025 at 10:49 PM
Daumen hoch 16
88
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Replies 28

defcon42
August 14, 2025 at 6:37 AM

Die Distro, die sich als einzige bei mir stabil gehalten hat. Ist aktuell solo auf meinem Zweitgerät installiert. Nur deren Hardware war mir im Vergleich etwas zu teuer. Das OS ist aber grundsätzlich großartig und im Vergleich die beste Linux Distro, die ich bisher genutzt habe. (von knapp 15 getesteten)

MyLibertad
August 14, 2025 at 7:55 AM

Ein wirklich schöner Artikel. Ganz besonders gefällt mir der gedankliche Schritt zurück zum einfachen Anwender. Das ist eine Perspektive, die man nicht unterschätzen sollte, insbesondere wenn man selbst soweit fortgeschritten ist und seine eigenen Code's verfasst. Auch hilft es einem dabei, einem Fragesteller der nicht so erfahren ist, bessere Hilfestellungen zu liefern.:thumbup:

TuxedoOS werde ich mir mal bei Gelegenheit in einer VM anschauen. Nicht weil ich es selbst nutzen möchte, dazu sind mein OS und ich zu sehr verschmolzen ^^, aber wenn es darum geht zügig eine Produktivumgebung, insbesondere für unbedarftere Neueinsteiger, zu bekommen, wage ich da gerne einmal einen Blick.

Danke für das Vorstellen.:thumbup:

wbit
August 14, 2025 at 8:46 AM

Vielen Dank für den Artikel! Deine Erfahrungen kann ich bestätigen. Ich habe in der Vergangenheit auch schon verschiedene Linux-Distributionen auf diversen Laptops getestet, aber Tuxedo OS auf einem Tuxedo Laptop läuft bisher absolut am besten. Eine runde Sache. Und wenn es mal klemmt, gibt es ja auch noch den freundlichen Support, der einem gerne weiterhilft. Habe ich selbst erlebt.

Gruß,

wbit

StephanR
August 14, 2025 at 9:30 AM

Toller Artikel und das sind genau die Dinge, die wir hier brauche. Ideen, Anstöße und den Blick über den Linux Tellerrand. Danke dafür!

Kellermorph
August 14, 2025 at 9:41 AM

Ich habe Tuxedo OS auch seit 2 Wochen drauf und bisher bin ich damit echt zufrieden. Läuft einfach super.

DenalB
August 14, 2025 at 11:30 AM
Quote

Gerade in so kleinen Details - merkt man aus meiner Sicht - dass die grossen Firmen hinter den Enterprise Distributionen (Red Hat, Canonical und Suse) hier den "Arbeitsalltag" bzw. die Bedürfnisse von Anwender, die ihr Computer als Arbeitsgerät besser kennen - und auch etwas besser abdecken,

Wobei du ja selbst schreibst, dass das Probleme von KDE Plasma sind. Diese Probleme treten also auch auf, wenn man den KDE Desktop von den großen Firmen nutzt, wie Fedora KDE, Kubuntu oder openSUSE Tumbleweed.

kim88
August 14, 2025 at 4:26 PM

DenalB naja die Enterprise Distributionen liefern kein KDE aus. Wirklich keine davon. Weder Red Hat, Suse noch Canonical.

Sie patchen aber Gnome nach ihren Bedürfnissen. Auch System76 patcht Gnome in ihrem Pop OS - sogar massiv.

Und ich denke Tuxedo könnte hier auch patchen. Gerade der power-profiles-daemon Hinweis im Akku Wodget wäre ja sehr leicht rausgepatcht.

Da sie KDE ja eh selber bauen und kompilieren wäre sowas kein Problem - und ich würde es gut finden wenn sie es machen.

Wie gesagt ist ja kein Game-Changer würde halt einfach ein runderes Gesamtpaket geben.

Nieselpriem
August 14, 2025 at 4:37 PM

Ein sehr schöner Bericht. 👍🏻 Ich nutze Tuxedo-OS auf einem Tuxedo-Gerät und muss sagen, es läuft flüssiger als ein parallel installiertes Debian mit KDE Plasma.

dunkelklausner
August 14, 2025 at 5:15 PM

Wäre mal 'ne Distri zum ausprobieren. Liest sich richtig gut dein Bericht.

tomherb
August 14, 2025 at 5:24 PM
Quote from Nieselpriem

Ein sehr schöner Bericht. 👍🏻 Ich nutze Tuxedo-OS auf einem Tuxedo-Gerät und muss sagen, es läuft flüssiger als ein parallel installiertes Debian mit KDE Plasma.

Logisch denn genau auf das Gerät wurde das System ja zugeschnitten. ;)

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